Wirtschaft · Kommentar 1

Niedergang ohne Not

Was mit dem Auto in Deutschland passiert, ist keine Veränderung. Es ist ein Abstieg, in kurzer Zeit, ohne Plan B und ohne Not. Gewonnen haben andere. Gut gewollt ist nicht gut gemacht.

von MK · rund 5 Minuten

Anlass

Binnen eines Jahres sind in der deutschen Autoindustrie 42.300 Arbeitsplätze verschwunden, fast sechs Prozent. Rund 691.500 Menschen arbeiten dort noch. Seit 2019 sind nach Zahlen des Branchenverbands VDA rund 100.000 Stellen weggefallen, bis 2035 könnten es nach seiner Schätzung 225.000 sein. Gleichzeitig verhandelt Europa, ob das Aus für den Verbrenner 2035 aufgeweicht wird. Im Dezember soll das Parlament abstimmen. Zeit für eine Bilanz: Was hat uns der Abschied vom Verbrenner gebracht?

Muster

Die Autoindustrie war das Rückgrat des deutschen Wohlstands. Rund zwei Drittel ihres Umsatzes macht sie im Ausland. 2013 liefen in deutschen Werken noch 5,6 Millionen Autos vom Band, 2025 waren es 4,15 Millionen. Mehr als 70 Prozent ihrer Fahrzeuge bauen die deutschen Hersteller inzwischen im Ausland. Das Rückgrat ist noch da. Aber es wird jedes Jahr dünner.

Was steht auf der Habenseite? Die Werke können Elektroautos bauen, das haben sie bewiesen: 2025 entstanden in Deutschland 1,22 Millionen davon. Jedes fünfte neu zugelassene Auto fuhr elektrisch. Am Können liegt es also nicht.

Und das Klima, für das wir das alles tun? Der Verkehr in Deutschland hat 2025 rund 146 Millionen Tonnen Treibhausgase ausgestoßen, mehr als im Jahr davor. Sein Klimaziel hat er zum dritten Mal in Folge verfehlt, diesmal um rund 29 Millionen Tonnen. Die eigene Batteriezellfertigung, die uns unabhängig machen sollte, ist bisher vor allem eine Baustelle: Die Fabrik von Northvolt in Heide war mit 4,5 Milliarden Euro geplant und mit rund 700 Millionen Euro Förderung zugesagt. Dann ging Northvolt in die Insolvenz. Ein Nachfolger will kleiner bauen und frühestens 2028 Zellen fertigen.

Die Bilanz nach wenigen Jahren: Arbeitsplätze verloren, Marktanteile verloren, Klimaziel verfehlt, Batterien fehlen. Das ist keine Veränderung. Das ist Niedergang.

Woanders läuft es anders. China hat seine Elektroauto-Industrie über fünfzehn Jahre mit mindestens 230 Milliarden Dollar gefördert, so eine vorsichtige Schätzung des Washingtoner Think Tanks CSIS. 2025 war dort fast jedes zweite neue Auto elektrisch oder ein Plug-in. Der Anteil deutscher Marken am chinesischen Markt fiel von einem Viertel auf rund 15 Prozent, bei Elektroautos auf 2,5 Prozent.

Und Deutschland? Das Ziel war klar, der Weg nie. Im Dezember 2023 strich die Regierung nach dem Haushaltsurteil die Kaufprämie für Elektroautos über Nacht. 2024 brachen die Neuzulassungen von E-Autos um mehr als ein Viertel ein, während der übrige Markt fast stabil blieb. Jetzt will die Politik das Ziel für 2035 wieder lockern. Wer eine Fabrik plant, plant für zehn bis zwanzig Jahre. Mit einer Politik, die alle zwei Jahre die Richtung wechselt, plant niemand.

Wem nützt das? Den anderen. Die USA verlangen seit dem Sommer 2025 auf europäische Autos 15 Prozent Zoll statt vorher 2,5 und holen Produktion ins eigene Land. Chinas Hersteller nehmen uns Kunden ab, erst in China, dann hier: BYD baut in Ungarn sein erstes Pkw-Werk in der EU, mitten im Binnenmarkt und an den europäischen Ausgleichszöllen vorbei. Und die deutschen Hersteller selbst bauen mehr als 70 Prozent ihrer Autos ohnehin schon im Ausland. Das ist keine Verschwörung gegen Deutschland. Das ist Interessenpolitik, und jeder betreibt sie. Wir haben unseren Konkurrenten in Europa und in der Welt die Karten in die Hand gespielt.

Gegenrede

Hätten wir am Verbrenner festhalten sollen? Nein. Der Wechsel zum Elektroauto kommt, mit uns oder ohne uns, China sorgt dafür. Gerade deshalb hätte es einen Plan gebraucht, diesen Wechsel zu gewinnen, statt ihn nur zu verkünden.

„Einer muss doch anfangen“, heißt es. Der Satz klingt nach Verantwortung. Nur stimmt die Voraussetzung nicht. Deutschland ist nicht allein losgelaufen. Das Verbrenner-Aus ist eine Regel der ganzen EU, und China ist längst vorne. Wir sind nicht zu früh gestartet. Wir sind halbherzig gefahren und wurden überholt.

Auch das Klima taugt nicht als Trost. Deutschland verursacht rund 1,6 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, und der eigene Verkehr stößt mehr aus als im Jahr davor. Die Elektroautos der Welt kommen ohnehin, gebaut werden sie dann eben in China. Unser Opfer hat dem Klima nichts gebracht, was es nicht auch ohne uns bekommen hätte. Genau darin liegt das Versäumnis: Klimapolitik ohne Industriepolitik ist ein Geschenk an die Konkurrenz.

Und Vorsicht vor falschen Freunden. Wer Deutschland dafür lobt, dass es vorangeht, verlangt selten dasselbe von sich. Applaus ist billig, wenn ein anderer die Rechnung zahlt.

Ruf

Ein Land, das einmal für Ingenieurskunst, Verlässlichkeit und Fortschritt stand, verliert seine Arbeitsplätze, seine Bedeutung und seinen Stand in der Welt. Übrig bleiben Gefühl und Meinung. Rationalität, Fortschritt, Vorbild, wirtschaftliche Führung: alles auf dem Rückzug.

Absichten sind keine Wirkungen. Gemessen wird Politik an dem, was sie bewirkt, nicht an dem, was sie wollte. Eine Politik, die nicht erkennt, wem sie mit ihren guten Absichten in die Hände spielt, ist nicht naiv. Sie ist fahrlässig. Wir brauchen ein Ziel und einen Weg, der zehn Jahre hält, über Wahlen hinweg. Strom und Batterien müssen hier bezahlbar werden. Industriepolitik gehört offen auf den Tisch, so wie China und die USA sie betreiben, mit klaren Bedingungen und einem ehrlichen Preis. Und wir dürfen unsere Interessen vertreten, ohne uns dafür zu entschuldigen. Gefragt sind nicht die Ingenieure. Gefragt ist eine Politik, die weiß, was sie will, und dabei bleibt.

Wer anfängt und dann stehen bleibt, ist kein Vorreiter. Er ist nur der Erste, der überholt wird.

Quellen

  1. BYD-Werk in Ungarn, Produktionsstart viertes Quartal 2026, onvista.de (Reuters)
  2. EY-Auswertung Beschäftigung Autoindustrie, über produktion.de (alle abgerufen 01.11.2026)
  3. VDA-Prognose, über verkehrsrundschau.de
  4. EU-Parlament zum CO2-Ziel 2035, electrive.net
  5. Auslandsumsatz der Branche 2025, Statista
  6. Pkw-Produktion 2025 und E-Auto-Produktion (VDA), electrive.net
  7. Produktion 2013 und Anteil Auslandsfertigung, auto motor und sport
  8. Neuzulassungen 2025 (KBA), electrive.net
  9. Treibhausgase Verkehr 2025 (UBA), verkehrsrundschau.de
  10. Northvolt Heide, ecomento.de
  11. CSIS-Schätzung China, über benzinga.com
  12. Anteil Elektro und Plug-in an Neuwagen in China 2025 (CAAM), China Daily
  13. Deutsche Hersteller in China, ingenieur.de
  14. Ende der Kaufprämie und Neuzulassungen 2024, ecomento.de
  15. Zollabkommen EU und USA, electrive.net
  16. EU-Ausgleichszölle auf chinesische E-Autos, IfW Kiel
  17. EU-Beschluss 2023, EU-Kommission
  18. Deutscher Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen, basicthinking.de

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